Der dem Pferdeharn eigenthümliche Geruch wird von Stoffen bedingt, deren chemische Constitution noch nicht nachgewiesen ist. Je concentrirter der Harn ist, desto stärker ist die Verdunstung der Riechstoffe unmittelbar nach der Entleerung. Laien bezeichnen einen solchen Harn vielfach als „heiss" oder „scharf. Nach Siedamgrotzky-Hof-meister erlangt der Harn eines Pferdes, welches mit Fleischmehl gefüttert wird, den Geruch des menschlichen Harns. Zuweilen riecht der frische Pferdeharn ammoniakalisch in Folge abnormer Gährung und Zersetzung des Harnstoffs in demselben. Die fortgesetzte innerliche Anwendung grösserer Gaben von Terpenthinöl verleiht dem Harn den Veilchengeruch. Auch mehrere andere Arzneipräparate bewirken das Auftreten eigenthümlicher Riechstoffe im Harn, welche aber klinisch nicht von Interesse sind. — Der bei der Harnruhr (Lauterstall) ausgeschiedene wasserklare Harn ist geruchlos; nach der frischen Entleerung zeigt sich an demselben auch keine augenfällige Verdunstung, wesshalb viele Laien ihn als „kalt" bezeichnen.
Ein abnorm starkes Schäumen des frisch gelassenen Harns findet in dem relativ grossen Gehalt an Kohlensäure seine Ursache, scheint aber eine krankhafte Bedeutung nicht zu haben.
Das specifische Gewicht steht bei gesunden Pferden in einem bestimmten Verhältniss zur Menge des Harns. Vergrössert sich letztere, so sinkt das spec. Gewicht und umgekehrt. Bei einer Temperatur des Harns von 15° 0. beträgt das spec. Gewicht in mittlerer Berechnung 1,030. Oft ist es höher oder auch geringer. „Die Grenzen liegen etwa zwischen 1,020 und 1,050" (Lustig). Haben die Pferde stundenlang schwer gearbeitet und stark transspirirt, so ist der zunächst ausgeschiedene Harn stark concentrirt und das spec. Gewicht desselben kann bis zu 1,055 ansteigen, wie entgegengesetzt bei reichlichem Genüsse von Grünfutter an die im Stalle verbleibenden Pferde das spec. Gewicht des Harns bis auf 1,015 herabsinken kann. — In fieberhaften acuten Krankheiten richtet sich das spec. Gewicht grösstentheils auch nach der Harnmenge. Der im Stadium der Krisis gelassene klare und wasserreiche Harn ist von geringem spec. Gewicht. — Bei chronischen Nierenkrankheiten ist das spec. Gewicht des Harns erheblich vermindert, ebenso beim Lauterstall, auch wenn derselbe nur wenige Tage anhält.
Die Farben, welche der Harn zeigen kann, unterscheidet Lustig(Hannov. Jahresber. XI.) in: biassgelb, hellgelb, gelb, rothgelb, gelbroth — roth, braunroth, rothbraun, schwarzbraun. Die fünf erstgenannten ] Farben kommen normalmässig vor, die vier letzterwähnten sind krank- j haft. In der Praxis werden ausserdem die Bezeichnungen: blass, stroh- i gelb, bernsteinfarben, dunkel, chokoladenfarbig und missfarbig gebraucht. ;J Blass, farblos, resp. mit reinem Wasser ziemlich übereinstimmend wird 4 der Pferdeharn bei der Harnruhr (Lauterstall), sowie bei der Diurese j nach der Anwendung von Canthariden oder Terpenthinöl und oft auch i im kritischen Stadium der Brustseuche und der Pferdestaupe. Die gelben : Farben des Harns sind durch eigenthümliche Harnfarbstoffe verursacht, i von denen das Urobilin der wichtigste ist. Das Auftreten der rothen i Farben im Harn, sowie das missfarbige und chokoladenfarbige Aussehen *•■ desselben ist durch den Gehalt von Blut oder Blutbestandtheilen bedingt. ;
Die ßeaction des frischen Pferdeharns, die mit Lakmuspapier nach- j
gewiesen wird, ist wegen des Gehaltes an kohlensaurem Kalk der Regel 1
nach alkalisch. Sauer reagirt der Harn nicht selten bei fieberhaften \
Krankheiten. Die saure Reaction wird auf den Gehalt an phosphor- <
sauren Salzen oder an freier Hippursäure oder an oxalsaurem Kalk zu- j
rückgeführt. j
Hinsichtlich der Consistenz ist der Pferdeharn gewöhnlich trübe, i oft dickflüssig, schleimig, gallertig und fadenzieherid. Nach Sie dam- j grotzky-Hofmeister wird die schleimige Eigenschaft des Pferdeharns dadurch bedingt, dass demselben das Secret der Schleimdrüsen des ! Nierenbeckens beigemischt ist. Fehlt dasselbe, so erscheint der Harn 1 dünnflüssig, wie bei fieberhaften Krankheiten im ersten Stadium oft zu finden ist.
Durch die mikroskopische Untersuchung des Harns sind zunächst ■'. die Krystalle der Harnsalze nachweisbar, was indess für die Diagnose einer Krankheit nicht von erheblicher Bedeutung ist. Von grösserem Werth ist der Nachweis der für die einzelnen Regionen des Uro-Genital-tractus charakteristischen Zellen. Bei Reizungsprocessen im Nierenbecken scheiden sich die demselben eigenthümlichen Cylinderzejlen ab. Aus den Harnleitern der Blase und der Urethra stammen die Pflasterepithelien, die bei katarrhalischen Zuständen der Harnwege in grosser Zahl neben Eiterkörperchen (weisse Blutkörperchen) gefunden werden. — Harncylinder (Abgüsse der Nierenkanälchen) werden bei Nierenkränkheiten im Pferdeharn oft gefunden (hyaline, granulirte und epitheliale Cylinder). — Der '■ Eintritt von Blut in den Harn ist mikroskopisch durch den Nachweis der rothen Blutkörperchen zu ermitteln; letztere haben kurze Zeit nach der Harnentleerung theils noch die normalen Eigenschaften, theils sind sie ausgewaschen und aufgebläht, theils erscheinen sie geschrumpft oder von zackiger Form. — Die weissen Blutkörperchen im Harn unterscheiden sich mikroskopisch nicht von den Eiterkörperchen.
Die chemische Untersuchung des Harns liefert Aufschluss über den etwaigen Gehalt desselben an Eiweissstoffen. Die Eigenthümlichkeiten der letzteren sind aber durch die Prüfung des Harns mit chemischen Reagentien nicht klarzustellen. Die Beimischung rother Blutkörperchen oder Eiterkörperchen (weisse Blutkörperchen) bedingt ebenso gut Eiweiss-reactionen, wie der Gehalt des Harns an Serumalbumin. Zweckmässig ist demnach neben der chemischen die mikroskopische Untersuchung auszuführen. Das Auftreten von Ei weiss im Urin ist stets krankhaft, aber sehr oft vorübergehend und unerheblich. Allgemein gültig lässt sich aus dem Nachweis desselben nur auf eine Störung der Blutcirculation in den Nieren schliessen. Nach den bei kranken Menschen ermittelten Vorgängen ist auch in der Thierarzneikunde geltend gemacht worden, dass durch Herzfehler, sowie durch acute und chronische Lungenkrankheiten und durch Pleuritis eine Rückstauung des Blutes in den Venen und folglich auch in den Nierenvenen verursacht und dass hierdurch ein Uebertritt von Eiweiss in den Harn bedingt werde. Soweit ich nach meinen Erfahrungen habe feststellen können, ist für die Entstehung des Eiweissharns bei Pferden eine derartige Bedingung nicht in Anspruch zu nehmen. Es mag sein, dass unter den gedachten Voraussetzungen ausnahmsweise Spuren von Serum-Eiweiss in den Harn gelangen. Der Regel nach gestaltet sich das ursächliche Verhältniss des Eiweissharns so, dass durch entzündliche Reizungen oder durch schwere Degenerationen der Nieren eine Blutstauung in den Venen derselben hervorgebracht und dass der hierdurch bedingte abnorm starke Blutdruck in den Gefässschlingen der Glomeruli die Transsudaten von Serumeiweiss unter gleichzeitigem Uebertritt von morphotischen Blutbestandtheilen herbeiführt. — Die Aetiologie des Eiweissharns, wie sie bei Menschen ermittelt ist, lässt sich nicht vollständig auf die Pferde übertragen, weil bei der horizontalen Stellung der letzteren die Störungen im kleinen Kreislauf nicht eine gleich starke Blutstauung im Gebiete der Cava inferior und bezw. in den Nierenvenen verursachen. Zunächst wird Eiweiss im Pferdeharn oft gefunden bei den fieberhaft verlaufenden Infectionskrank-heiten (Brustseuche, Pferdestaupe), weil dieselben eine parenchymatöse Reizung und Schwellung der Nieren mit sich bringen. Meist enthält der Harn während des specifischen Verlaufs dieser Krankheiten nur vorübergehend an einem oder an mehreren Tagen Eiweiss. Mit der Verringerung und bezw. mit der Rückbildung der Nierenaffection hört die Ausscheidung von Eiweiss wieder auf. — Chronische diffuse Nierenentzündungen veranlassen auch bei Pferden dauernd, bald in höherem, bald in geringerem Grade eine Beimischung von Eiweiss zum Harn.
Eiweiss wird im Harn durch Kochen gefällt. Indess tritt dieser Niederschlag nur bei saurer Reaction des Harns ein. Ist der Harn alkalisch, so muss der zur Untersuchung bestimmten und vorher filtrirten Probe im Reagenzglase zuvor Essigsäure oder Salpetersäure in genügender Menge zugesetzt und darauf die Erhitzung bewirkt werden.
Dass der Pferdeharn verschiedene Eiweissstoffe und auch Blut in toto enthalten kann und dass sich bei der chemischen Prüfung eines solchen Harns die Eiweissreactjon zeigt, wurde schon angeführt. — Der blutige Harn ist, wenn die Anomalie in einem erheblichen Grade besteht, schon durch die Farbe erkennbar. Zu unterscheiden ist dabei zunächst das Auftreten von Hämoglobin (Hämoglobinurie) und von Blut in toto (Hämaturie). Der Hämoglobinharn giebt sich durch eine gleichmässig blut-rothe Farbe oder durch eine bierbraune Farbe oder durch chokoladen-farbige Beschaffenheit des Harns zu erkennen. In demselben scheiden sich Blutgerinnsel nicht ab und bei der mikroskopischen Untersuchung finden sich rothe Blutkörperchen nicht oder doch nur in geringer Zahl.