Alle erheblichen Krankheiten sind in der Regel mit einer Be­schränkung des Appetites verbunden. Je mehr Appetit die Pferde beim Beginn und im ersten Stadium einer allgemeinen Krankheit noch zeigen, um so günstiger gestaltet sich in der Regel der Krankheitsverlauf. Ein relativ ungünstiges Zeichen ist dagegen das vollständige Versagen der Futteraufnahme. Es beruhen diese Verschiedenheiten des Appetites theils in der Körperconstruction der Pferde, theils in dem Grade und Charakter der betreffenden Krankheiten und theils in der von manchen Zufällig­keiten beeinflussten Affection der Verdauungsorgane. Bei einigen allge­meinen Krankheiten (Scalma und manche Fälle von Pyämie) verzehren die Pferde relativ viel Futter, wenn selbst die Erkrankung einen perni-ciösen Verlauf nimmt. Die Bedeutung dieser Thatsache für die Prognose der betreffenden Fälle ergiebt sich von selbst.

Appetit auf Gewürze. Der Appetit auf Gewürze ist zuweilen von diagnostischem Werthe. Von den gesunden Pferden nehmen manche sehr gern Kochsalz als Lecke auf, während andere dasselbe kaum an­rühren. Nicht selten sieht man die erstgedachten Pferde mit Begierde an kalten Gegenständen unter starker Speichelabsonderung lecken. Bei ' der einfachen Gastrosis steigert sich in der Regel der Appetit auf Koch­salz. Oft suchen die kranken Pferde laugenhaft schmeckende Gegen­stände: Stroh, an welchem Urin haftet; oder altes Holz; auch Kalk und Lehm an der Stallwand mit Begierde auf. Am stärksten ist der Hunger auf Alkalien bei derjenigen chronischen Gastrose, bei welcher sich abnorm grosse Mengen von Säuren im Magen anhäufen (Dyspepsia acida). In solchen Fällen verzehren die Pferde auch die als Zusatz zu den Alkalien (Magnesia, kohlensaurer Kalk) gereichten bitteren oder aromatischen Medicamente mit grosser Vorliebe.

Appetit auf Wasser (Durst). Hinsichtlich des Durstes finden sich bei Pferden innerhalb physiologischer Grenzen ziemlich erhebliche Verschiedenheiten. Viele Pferde gewöhnen sich nach und nach an die Aufnahme grosser Mengen von Wasser, während andere mit einem sehr geringen Quantum ausreichen. Das Trinken selbst bewirken manche Pferde sehr schnell, andere dagegen langsam. In Folge krankhafter De­pression des Bewusstseins (Dummkoller, Meningitis subacuta) stecken einzelne Pferde das Maul zunächst in den mit Wasser gefüllten Eimer bis auf den Grund. Junge Fohlen spielen zuweilen in ähnlicher Weise mit dem Trinkwasser. Bei ein- und zweijährigen Fohlen sah ich mehr­fach, dass sich die Thiere aus Langeweile die Untugend aneigneten, das Trinkwasser aus dem Eimer , oder der Krippe in die Maulhöhle zu saugen und dann (ähnlich wie die Gänse verfahren) mit hoch emporgehobenem Maul langsam herabzuschlucken. Als die Thiere später zu anstrengenden Arbeiten beschäftigt und nur nach längeren Zwischen­zeiten mit Trinkwasser versehen wurden, verlor sich die Untugend wieder.

Dass Pferde bei der Verabreichung von Grünfutter wenig oder gar kein Wasser verzehren, dagegen bei Trockenfütterung innerhalb 24 Stun­den 2—3 Stalleimer voll trinken, kann hier ebenso als bekannt voraus­gesetzt werden, wie die Thatsache, dass bei reichlicher und anhaltender Schweisssecretion resp. bei starker Arbeitsleistung von den Pferden mehr Wasser getrunken wird, als bei fortdauernder Ruhe im Stalle. Pferde, die an fieberhaften Krankheiten leiden, nehmen sehr gern und häufig frisches, klares Wasser an; aber sie trinken von demselben stets nur geringe Mengen. Wenn die allgemeinen Krankheiten sich mit einer schweren Magen-Darmentzündung compliciren, so versagen die Pferde die Aufnahme des Wassers. Sie spielen wohl mit den Lippen und der Zunge in dem vorgehaltenen frischen Trinkwasser; aber sie verschlucken von demselben kaum eine nennenswerthe Quantität. Dasselbe Verhalten findet sich bei der Kolik (Darmverstopfung), in deren Verlauf die kranken Pferde gewöhnlich nur dann lebhaften Durst zu erkennen geben, wenn eine Besserung des Zustandes eintritt. Aussergewöhnlich reich­lichen Genuss von Trinkwasser bekunden einzelne Pferde bei der Pferde­staupe und bei der Brustseuche, wenn sich die Krankheitsfälle unter starker Ausscheidung von klarem Harn zur Besserung wenden. Aber auch bei einfachen Dyspepsien wird nicht selten beobachtet, dass die Pferde mehr Wasser trinken, als sonst. Krankhaft gross ist die Auf­nahme des Wassers und resp. das Durstgefühl bei Pferden, die am Lauterstall (Diabetes) leiden; hierbei sah ich die kranken Pferde, nach­dem sie mehrere Stunden lang während der Arbeit nicht getrunken hatten, oft 3—4 Stalleimer voll Wasser nacheinander mit lebhafter Be­gierde aufnehmen.

Durch Zusatz geringer Mengen von Kleie, Bierträber, Mehl oder Oelkuchen wird das Trinkwasser für viele Pferde schmackhafter; nicht wenige Pferde bevorzugen aber das klare und frische Trinkwasser am meisten. Das durch reichliche Beimischung von Lehm trübe gewordene Regenwasser trinken die Pferde ebenso gern, als gutes Brunnenwasser. Dagegen nehmen sie nur ungern und zögernd das Trinkwasser, welches viel Salpeter, Schwefel oder Eisensalze enthält.

Dass einige Arzneimittel zweckmässig dem Trinkwasser zur Selbst­aufnahme der Pferde beigemengt werden können, kann ich hier nur an­deuten. Bemerken will ich aber, dass es keine Mittel giebt, mit wel­chen das Trinkwasser den Pferden angenehmer resp. schmackhafter ge­macht werden könnte. Vielen Pferden wird die Aufnahme des Wassers fast durch jeden Zusatz, selbst durch geringe Mengen von Säuren ver­leidet. An den Genuss von Bier lassen sich einzelne Pferde gewöhnen. Ich habe ein älteres Reitpferd gekannt, welches in Folge einer Lieb­haberei seines Besitzers täglich gegen 2 Liter Bayrisch-Bier erhielt und dieses Quantum regelmässig auf einmal austrank. Es verzehrte aber niemals erheblich mehr, als 2 Liter und eine besondere Wirkung dieses Biergenusses habe ich an dem Pferde nicht beobachtet. Schwarznecker (Pferdezucht, 2. Aufl. 1884, S. 248) erzählt, dass das englische Brauer­pferd (Dray Horse) einen kräftigen Trunk guten Biers nicht verachte. Kauen. Die Kaubewegungen des Unterkiefers geschehen bei ge­sunden Pferden nicht gleichmässig. Schmackhaftes Futter wird im Allge­meinen schneller gekaut, als Substanzen, welche weniger angenehm sind. Sind die Pferde hungerig, so kauen sie die Futtermittel mit mehr be­schleunigten Kieferbewegungen, als wenn sie die Sättigung beinahe be­endet haben. Im höheren Alter erfolgen die Kaubewegungen langsamer, als in der Jugend. Pferde von guter Bauart und lebhaftem Appetit machen bei der Futteraufnahme in einer Minute 70—100 Kaubewegungen mit dem Unterkiefer, während Pferde mit geringer Brusttiefe, aufge­schürztem Bauch und langem, schmalen Kopf das Futter langsamer ver­zehren und nur 40—60 Kieferbewegungen in der Minute ausführen.

Bei inneren Krankheiten, welche die VerdauungsOrgane essentiell oder symptomatisch tangiren, verlangsamt sich das Kaugeschäft. Auf­fälliger wird aber die Verringerung der Kaubewegungen bei acuten fieber­haften Krankheiten (Pferdestaupe, Brustseuche), wenn durch Congestivzustände im Gehirn Kopfschmerz und Benommenheit des Bewusstseins entstehen. In gleicher Weise vermindert sich die Frequenz der Kau­bewegungen bei der acuten Hirnhöhlenwassersucht und beim Dummkoller. Als nächste Ursache dieser Erscheinung ist die Affection des Cortex beider Hirnhemisphären und die mit derselben in Verbindung stehende Beschränkung des Temperamentes anzusehen, wobei die psychomotorischen Impulse abnorm langsam und weniger intensiv erfolgen.

Bezüglich der Gleichmässigkeit in den Kaubewegungen finden sich bei Pferden manche willkürliche Modificationen, die hier nicht weiter verfolgt werden können. Haben die Thiere mit dem aufgenommenen Futter scharfe Körper (Holz, Nägel etc.) oder Gegenstände von perversem Geschmack in die Maulhöhle gebracht, so hören sie momentan auf, zu kauen und lassen das Futter ganz oder grösstentheils aus dem Maul wieder herausfallen. Bei lebhaftem Hungergefühl lassen sich gesunde Pferde im Kaugeschäft gewöhnlich nicht stören; ist aber der grösste Hunger befriedigt, so halten die Thiere bei momentaner Erregung ihrer Aufmerksamkeit mit dem Kauen eine kurze Zeit inne. Anders gestaltet sich die vorübergehende Sistirung des Kaugeschäfts bei symptomatischen und essentiellen Gehirnaffectionen (acute Hirnhöhlenwassersucht, Dumm­koller), namentlich wenn Rauffutter verzehrt wird. Hier stehen die Pferde wie in sich gekehrt; sie vergessen sich förmlich und hören mit dem Kauen einige Secunden bis zu einer Minute, selbst noch länger auf, wobei einzelne Halme des Heus oder Strohs aus den Lippenwinkeln hervorragen.

Die Lähmung der Backen- oder Wangenmuskeln behindert das Kau­geschäft erheblich und verursacht das „ Einfüttern", wobei das grob zer­kleinerte Material sich in Form einer länglichen Rolle zwischen Backe und Backzahnreihe schiebt. Pferde, die an Tetanus (Trismus) in hohem Grade leiden, sind ausser Stande, das Futter, namentlich Rauffutter vollständig zu kauen. Von letzterem bleiben nicht selten kleinere oder grössere Partien zwischen Backe und Backzähnen oder neben der Zunge und am Gaumensegel liegen. Auch bei der Blutfleckenkrankheit kann, wenn umfangreiche Anschwellungen am Kopf eintreten, das Futter nicht mehr gekaut werden, trotzdem die betreffenden Pferde oft noch Appetit haben. Dasselbe beobachtet man bei schweren Entzündungen der Rachen­schleimhaut.

Sehr ungleichmässig kann sich das Kaugeschäft bei Krankheiten und fehlerhaften Zuständen der Backzähne gestalten. Die meisten der be­treffenden Pferde verzehren hierbei nur wenig Futter und kauen dasselbe mit verlangsamten und inäqualen Kieferbewegungen. Sehr oft halten die Thiere bei dem Verzehren von Körnerfutter mit dem Kauen plötzlich inne und lassen einen Theil des Futters wieder aus dem Maul heraus­fallen. Sie finden sich hierzu veranlasst, wenn sie den kranken Back­zahn mit einem ungleichen Druck belasten und hierdurch einen heftigen Schmerz auslösen. Manche Pferde strecken bei der unvermuthet ein­tretenden Zerrung eines kranken Backzahns in Folge des Schmerzes den Kopf nach vorn und zur Seite; sie verziehen dabei den Unterkiefer, um mit der Backe einen gelinden Druck gegen den schmerzhaften Zahn aus­zuüben. Das Heu wird bei schmerzhaften Zuständen an den Backzähnen oft zu Bissen gekaut, welche die Pferde wieder aus dem Maule fallen lassen. Bei mehreren zahnkranken Pferden habe ich beobachtet, dass sie das Heu oder Stroh in kleinen Bissen zu kauen versuchten, dann aber anhielten und in Folge der Zahnschmerzen wie in sich gekehrt eine Zeitlang stehen blieben, den Kopf auf die Krippe stützten und einige eingespeichelte und zusammengelegte Halme aus den Lippen hervortreten Messen. Ein solches Bild gleicht dem Benehmen der am Dummkoller erkrankten Pferde. Nur in wenigen Fällen habe ich gesehen, dass Pferde bei krankhaften Zuständen des Backzahngebisses lebhaften Hunger hatten und viel Futter verzehrten. — Ein zehnjähriger, mit bilateralem Treppengebiss behafteter Wallach belgischer Race kaute das aufge­nommene Heu zu Bissen und liess dieselben grösstentheils zunächst wieder vor die Krippe auf den Boden fallen. Auch das Körnerfutter wurde nach einigen unvollständigen, mit starker Salivation ausgeführten Kaubewegungen zum Theil wieder fallen gelassen. Später nahm das Pferd die Futtermassen wieder vom Boden auf, um sie nach unvoll­ständiger Zerkleinerung herabzuschlucken. Die Darmexcremente ent­hielten unverdautes Futter in grosser Menge. — Die Störungen des Kaugeschäfts bei den Krankheiten der Backzähne genauer darzustellen, fällt der Veterinär-Chirurgie anheim; ich möchte nur noch hervorheben, dass dem trotz aller Rüge von vielen Pferdebesitzern und Wärtern con-servirten Irrthum, die verringerte Futteraufnahme und die Retardation der Kaubewegungen auf ein kantiges Gebiss (Zahnspitzen) zu beziehen, nicht scharf genug entgegengetreten werden kann.