Es empfiehlt sich nicht, ausser den vorgenannten Eigenschaften noch andere Merkmale des Pulses zu unterscheiden. Mindestens kann hiermit nach dem gegenwärtigen Standpunkt der klinischen Thierarzneikunde ein diagnostischer Zweck nicht verfolgt werden. Dagegen ist es vollkommen berechtigt, verschiedene Eigenschaften des Pulses zu combiniren. So ge­staltet sich der Puls oft gleichzeitig hart und klein oder schwach und weich, unregelmässig, ungleich und klein etc.

c. Venen. Die abnorm grosse Blutfülle der Venen und der Venen­puls lassen sich bei Pferden nur an den Venae jugulares erkennen. Am unteren Ende des Halses wird nicht selten in den Drosselvenen eine Rückwärtsbewegung des Blutes wahrgenommen, die einerseits durch die Respirationsbewegungen (Undulation der Jugularvene), andererseits durch Herzfehler und insbesondere durch mangelhaften Verschluss der rechts­seitigen Atrio-Ventrikularklappe bedingt resp. vom Herzschlage selbst abhängig sein kann (Pulsation der Jugularvenen, Venenpuls). Die ge­wöhnlichste Veranlassung des Venenpulses bei Pferden besteht in der übermässigen Füllung und Ausdehnung des rechten Herzventrikels, wie sie bei fieberhaften Blutdyskrasien (Pferdestaupe, Brustseuche, acute Intoxicationen) vorkommt. In solchen Fällen ist eine relative Insuffizienz der Tricuspidalklappe anzunehmen, die sich bei günstigem Verlaufe der allgemeinen Krankheit bald wieder ausgleicht. Das Symptom selbst bringt demnach an sich noch keine Lebensgefahr mit sich, wenigstens so lange nicht, als die Regurgitation des Blutes blos im unteren Dritt-theil der V. jugulares wahrzunehmen ist. In einzelnen Fällen habe ich auch bei chronischen Herzkrankheiten der Pferde die echte Tricuspidal-klappen-Insufficienz beobachtet, wobei eine erhebliche Blutstauung sowohl in der hinteren, als in der vorderen Hohlvene eintritt und die V. jugulares bis in ihre Wurzeln gefüllt erscheinen. Dem Venenpulse selbst
liegt eine bei der Herzsystole in die V. jugulares regurgitirende Blutwelle zu Grunde. .


8. Digestionsapparat.

Störungen in den Functionen der Verdauungsorgane giebt es bei Pferden in grosser Zahl und Mannigfaltigkeit. Die Ermittelung ihrer Ursachen ist zum Theil leicht, zum Theil aber sehr schwierig. Bei chronischen Krankheiten der Bauchorgane bleibt die specielle Ursache der Digestionsstörung nicht selten dunkel und auch der erfahrenste Thier-arzt muss sich in solchen Fällen damit begnügen, die Krankheit nur nach ihrem Sitze und ihrem allgemeinen Charakter diagnosticiren zu können. In dieser Hinsicht bietet zuweilen das längere Fortbestehen der Störung unter gleichen Symptomen einen wichtigen Anhalt.

Bei der speciellen Untersuchung des Digestionsapparates ist neben der Besichtigung der Kopf-Schleimhäute (vergl. S. 20) Rücksicht zu nehmen auf: 1) den Appetit; 2) das Kauen; 3) das Schlucken; 4) den Umfang des Bauches; 5) die Darmperistaltik mit Einschiuss der Darm­geräusche und 6) die Darmexcremente.

Appetit auf Futter. Für die Beurtheilung des Appetits auf Futter kommt zunächst in Betracht, dass der Grad (die Lebhaftigkeit) desselben bei gesunden Pferden von der grösseren oder geringeren Schmackhaftigkeit der Futterstoffe beeinflusst wird. Unschmackhafte oder verdorbene Nahrungsmittel verzehren die Pferde theils gar nicht, theils nur in kleinen Bissen und in geringer Menge. Es bedarf keines Commentars, dass bei der diagnostischen Beurtheilung des Appetitmangels vorab die Qualität des Futters zu prüfen ist. Nicht selten ist die schlechte Beschaffenheit des Kraftfutters der ausschliessliche Grund des mangelhaften Fressens. Aber auch abgesehen hiervon, gestaltet sich die Lebhaftigkeit des Appetites innerhalb physiologischer Breiten sehr verschieden. Pferde von guter Brusttiefe, weitem Thorax und geräumiger Bauchhöhle pflegen viel Futter in kurzer Zeit zu verzehren, während flachrippige, hochbeinige und rangleibige Pferde nur wenig Futter, und auch dies erst in relativ langer Zeit aufnehmen. Bei Pferden mit gutem Körperbau und ruhigem Temperament wird stets beobachtet, dass sie sofort nach der Krippe eilen und Futter verlangen, sobald sie nach der Arbeit in den Stall gelangen, während manche Pferde mit nervösem Temperament, besonders die reizbaren edlen Reitpferde nach starker An­strengung bisweilen 6 —12 Stunden im Stalle stehen, bevor sie das Futter annehmen. Solche Verschiedenheiten in dem Verhalten der Pferde scheinen ihren Grund in nervösen Einflüssen, oder in mangelhaften histo­logischen Einrichtungen der Verdauungsorgane zu haben; sie mögen zum Theil auch darin beruhen, dass die Vertheilung des Blutes in den Gefäss-bahnen sich bei den gut gebauten und ruhigen Pferden leichter regulirt, als bei den Pferden von ungeeignetem Bau und Temperament.

Statt des Heus können gesunde Pferde mit dem Stroh als Rauf­futter fürlieb nehmen. Bei vollständiger Entziehung des Rauffutters wird aber von manchen Pferden die Aufnahme des Körnerfutters versagt. Andererseits verzehren diejenigen Pferde, die reichlich mit Kraftfutter versehen werden, nur wenig Heu gegenüber denjenigen Pferden, denen nur in spärlicher Menge die Kernnahrung gereicht wird. Aber auch abgesehen hiervon ist der Appetit auf Heu nach individuellen Zuständen sehr verschieden. Unschmackhaftes (saures) und verdorbenes Heu wird immer nur in ganz geringer Menge verzehrt und zum Lupinenheu greifen die Pferde gewöhnlich nur dann, wenn die Ernährung derselben dürftig und das Hungergefühl gross ist.

Ein Gemenge von Weizen- oder Roggenkleie mit Wasser oder von Mehl und Wasser wird von vielen gesunden Pferden mit Begierde aufgenommen, während andere für derartiges Futter keine Neigung haben. Oft habe ich beobachtet, dass Pferde, welche statt des harten Körnerfutters Schrot (Mehl) mit Wasser in breiiger Form erhielten und einige Wochen in ausreichender Menge frassen, später die Aufnahme dieses Futters hartnäckig verweigerten, obwohl sie ganz gesund waren. Das weiche (breiförmige) Futter war ihnen zuwider geworden. Einzelne Pferde habe ich aber gekannt, welche mehrere Jahre hindurch bei relativ geringer Verabreichung von Rauffutter das Roggenschrot mit Wasser stets gern verzehrten und sich dabei in sehr gutem Nährzustande er­hielten. Bierträber oder Branntweinschlämpe werden von manchen Pferden sehr gern, von anderen dagegen nur zögernd oder gar nicht aufgenommen. Auch gegenüber den Mohrrüben, Kartoffeln und anderen Wurzelgewächsen ist der Appetit der Pferde de norma sehr ungleich. Bei Berücksichti­gung dieser physiologischen Unterschiede wird die Thatsache verständ­lich, dass bei manchen kranken Pferden die dem Geschmacke am meisten entsprechende Art des Futters erst durch Versuche ermittelt werden muss. Aus Irrthum ist in der Literatur fast bei allen erheblichen Krank­heiten der Pferde die Verabreichung von Weizenkleie oder Mohrrüben etc. empfohlen worden. Die Erfahrung beweist, dass die an allgemeinen Krankheiten leidenden Pferde diese Futtermittel sehr oft verschmähen, während sie kleine Mengen- von reinem Hafer, sowie Heu und reines Stroh aufnehmen. Im Allgemeinen bevorzugen die kranken Pferde das-' jenige Futter, welches der Organisation des Verdauungsapparates am meisten entspricht bezw. »naturgemäss« ist. Bei der nach überreichem Genüsse von Körnerfutter entstehenden Dyspepsie zeigen die Pferde eine besondere Vorliebe für Weizenkleientrank mit einem geringen Zusatz von Schrot.

Auf einer irrthümlichen Meinung beruht auch die Angabe der Autoren, dass es bei den Pferden einen plötzlich eintretenden „Heiss-hunger" (Bulimie) als krankhaften Zustand gebe und dass der letztere durch Verabreichung von Futterstoffen geheilt werde. Dagegen beobachtet man bei manchen Pferden dauernd eine übergrosse Begierde auf Futter und die Fähigkeit, sehr beträchtliche Mengen von demselben zu verzehren. Dieser übermässige Appetit (Wolfshunger) vermindert sich, sobald die betreffenden Pferde mehrere Wochen oder Monate lang mit Körnerfutter reichlich ernährt („durchgefüttert") worden sind.