Die Systole des linken Herzventrikels treibt eine grössere Quantität von Blut in das Arteriensystem. Hierdurch wird eine positive Blutwelle erregt, welche eine von der Aorta beginnende und sich bis zu den Capillaren fortsetzende Ausdehnung aller Arterien veranlasst. In den kleinsten Arterienzweigen kommt die primäre Welle zum Erlöschen. Da das Nachströmen von Blut mit der Beendigung der Systole des Herzens aufhört, so ziehen sich die ausgedehnten Arterien alsbald wieder zusammen, wodurch die Blutsäule zum Ausweichen nach den peripherischen Gefässen und nach dem Herzen gebracht wird. Die letztgedachte Quantität des Blutes prallt an den geschlossenen Semilunarklappen zurück, wodurch eine im Sphygmogramm erkennbare zweite, kleinere Welle (Rückstosswelle) entsteht. Diese Rückstosselevation ist unerheblich an den Arterien, die relativ weit vom Herzen entfernt sind; sie ist am stärk
sten bei kurzer, kräftiger Systole des Herzens und bei geringer Spannung im Arterienrohr. An den, dem Herzen nahe liegenden Arterien kommt es gewöhnlich noch zur Bildung einer zweiten Rückstosswelle, die ebenfalls in dem Rückprall des Blutes vor den geschlossenen Semilunarklappen ihre Ursache hat.
Wie an dem Sphygmogramm zu erkennen ist, entstehen ausser der Rückstoss-elevation an der Wandung der Arterien durch oscillirende Bewegungen noch kleine Erhöhungen, welche von Landois (1869) alsElasticitäts-Elevationen bezeichnet sind.
Durch Vergrösserung der Rückstosselevation entsteht der „doppel-schlägige Puls" (Pulsus dicrotus), der zuweilen bei anhaltend fieberhaften Krankheiten der Pferde, aber in der Regel nur undeutlich gefühlt werden kann. Voraussetzung des Doppelschlägers ist eine gewisse Kürze und Energie der primären Blutwelle und eine verminderte Spannung der Arterien.
Ueber die Zahl der Pulse in einer bestimmten Zeit habe ich bei der Erörterung des Herzschlags bereits nähere Angaben gemacht. Eine ' die Norm überschreitende Pulszahl wird als „Pulsus frequens" und die abnorme Verminderung derselben als „Pulsus rarus" bezeichnet.
An der primären Pulswelle ist die Länge und die Höhe zu berücksichtigen, über deren durchschnittliche Masse eine Kenntniss nur nach dem Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen bei Pferden verschiedener Grösse und Racen gewonnen werden kann. Von den zugänglichen Arterien eignet sich die Maxillaris externa für die Beurtheilung dieser Eigenschaften des Pulses am besten. Normalmässig zieht sich die Pulswelle bei massiger Höhe lang unter dem palpirenden Finger hinweg (Pulsus tardus — „gedehnter Puls"), während bei beschleunigter Herzaction und abnormer Kürze der Systole die Blutwelle sich stossweise und kurz anfühlt (Pulsus celer — „schnellender, hüpfender Puls").
Das Aussetzen des Herzschlags ist auch am Arterienpulse nachweisbar (aussetzender Puls). Hierbei ist der vollständige Ausfall der Systole (Pulsus deficiens) und eine abnorm verringerte Stärke derselben, bei welcher die Blutwelle an der Art. maxillaris nicht mehr gefühlt werden kann (Pulsus intermittens) zu unterscheiden. Ebenso lässt sich die Störung in der Gleichmässigkeit der Intervalle und der Intensität der Herzschläge bei der Palpation der Arterien erkennen (Pulsus arhyth-micus und Pulsus inaequalis). Bei Arhythmie des Herzschlags ist zuweilen ein Puls kräftig, worauf mehrere kleine und kleinere Pulse und dann wieder ein kräftiger Puls erfolgen (Pulsus myurus). Den Pulsus alternans (Traube), bei welchem regelmässig ein hoher und ein niedriger Puls nacheinander erfolgt, habe ich bei Pferden niemals beobachtet. Dagegen ist bei Arhythmia Cordis zuweilen nachzuweisen, dass auf je zwei oder drei resp. vier normal kräftige oder abnorm starke Pulse eine längere Pause folgt (Pulsus bigeminus, Pulsus trigeminus, Pulsus quadrigeminus).
Mit Vortheil wird bei der Diagnose die „Stärke" des Pulses berücksichtigt, bei deren Definition von der Leistungsfähigkeit des Herzens und resp. von der Spannkraft der primären Pulswelle auszugehen ist. „Starker" oder „kräftiger Puls" (Pulsus fortis) und „schwacher Puls" (Pulsus debilis). Dass es einen abnorm starkenPuls alsSymptom fieberhafter, allgemeiner Krankheiten des Pferdes nicht giebt, habe ich bei der Erörterung des Herzschlags bereits bemerkt. Nur bei Herzkrankheiten (Hypertrophie des linken Ventrikels) ist nicht selten ein abnorm starker Puls zu beobachten. Der schwache Puls ist ibei der Herzaffection, welche die acuten fieberhaften Infections- und Intoxicationskrankheiten begleitet, eine gewöhnliche Erscheinung, deren graduelle Verschiedenheiten einen sehr wichtigen Anhalt für die Beurtheilung der Krankheitsfälle gewähren.
Dem „Pulsus durus" (harter Puls) liegt eine abnorm starke Spannung der Arterienwand zu Grunde, welche bei starken Blutverlusten und bei diffusen schweren Darmentzündungen eintritt. Der höchste Grad des Pulsus durus ist unter dem Namen des „drahtförmigen" oder „fadenförmigen Pulses« (Pulsus filiformis) bekannt. Wenn die letztgedachte Qualität des Pulses mit einer venösen Färbung der Conjunctiva zusammentrifft, so ist stets auf eine schwere Gastro-Enteritis zu schliessen, die einerlei, ob sie als selbständiges oder als secundäres Leiden entstanden ist, fast in allen Fällen zum Tode führt. Der Gegensatz des Pulsus durus ist der „Pulsus mollis" (weicher Puls), bei welchem die Arterie sich in der normalen Spannung findet oder etwas schlaffer anfühlt.
Eine volle Arterie trifft stets mit normaler Länge und Höhe der Pulswelle zusammen. Hierfür ist der Name des „vollen" (Pulsus ple-nus) und des „grossen Pulses" (Pulsus magnus) gebräuchlich. Bei leerer Arterie (Pulsus vacuus seu inanis) kommt eine abnorm kleine Pulswelle vor (Pulsus parvus). Der kleine Puls findet sich nur bei erheblich vergrösserter Frequenz der Pulszahl, er kann ein Symptom starker Blutverluste, entzündlicher Erkrankung der Darmschleimhaut und mangelhafter Innervation des Herzens (kurze Zeit vor dem Suffo-cationstode) sein. .Unter denselben ursächlichen Verhältnissen geht die Verkleinerung der Pulswelle oft so weit, dass sich dieselbe an der Art. maxillaris ext. und überhaupt an allen roittelgrossen Arterien durch Palpation des Fingers nicht mehr nachweisen lässt (Pulsus insen-sibilis). Zu beachten ist hierbei aber, dass an der Art. brachialis der Pferde der Puls stets noch gefühlt werden kann.
Ist die Blutwelle sehr schwach, so entsteht so zu sagen nur ein Zittern an der Arterien wand, welches sich dem palpirenden Finger mittheilt (Pulsus tremulus). Dem Anfänger in der Praxis empfehle ich indess bezüglich der Beurtheilung dieses Phänomens bei Pferden eine gewisse Vorsicht, weil auch bei normalem Pulse durch eine massig starke Oompression der Art. maxillaris externa gegen den hinteren Rand des Unterkiefers eine zitternde Empfindung in dem palpirenden Finger eintreten kann. Bei Menschen wird in Fällen von chronischer fibröser Pericarditis und Verwachsung des Herzens oder der grossen Gefässstämme mit der Nachbarschaft beobachtet, dass der Puls während der Inspiration sich verkleinert, oder selbst ganz verschwindet und bei der Exspiration in normaler Grösse erfolgt (Pulsus paradoxus). Ich habe diese Pulsform bei Pferden niemals beobachtet.