Neben der Muskelbewegung können auch psychische Erregungen vorübergehend eine Beschleunigung des Herzschlags veranlassen. Man beobachtet aber stets, dass dieselbe bei ruhiger Behandlung in wenigen Minuten, zuweilen noch schneller wieder nachlässt. Unter pathologischen Verhältnissen kommt eine die Norm übersteigende Frequenz des Herzpulses zunächst bei schmerzhaften Leiden der Gliedmassen, besonders der hinteren, und bei heftiger Kolik vor; ausserdem bei Herzfehlern (Insufficienz der Klappen), sowie bei Verwachsungen des Herzens mit dem Herzbeutel. Von der letztgedachten Abnormität sind Pferde indess nur sehr selten betroffen. Ausnahmsweise kann auch durch den Druck von Geschwülsten der Lungen oder der Pleura auf die Vorhöfe eine Beschleunigung des Herzpulses verursacht werden. In gleicher Weise wird bei Meteorismus des Magens oder Darms (Kolik) die Herzaction abnorm stark belastet, so dass das Blut sich in den Ventrikeln anstaut und die Häufigkeit der Herzcontractionen sich vergrössern muss. — Die ungleich wichtigste und häufigste Veranlassung zur Vergrösserung der Herzschlag-Frequenz liegt aber in der Ausbildung einer fieberhaften Blutdyskrasie. Dass die Fieberhitze, d. h. eine die Norm überschreitende Körpertemperatur hierbei den hauptsächlichsten Einfluss ausüben soll, wie seit 15 Jahren fast allgemein behauptet wird, muss ich nach den sorgfältigsten klinischen Beobachtungen und Vergleichen bestreiten. Oft ver-grössert sich bei Pferden, bei welchen sich ein acuter Katarrh der Respirationsschleimhaut entwickelt, diel Frequenz des Herzschlages schon, bevor die Bluttemperatur die Norm ii bemerkenswerthem Grade übersteigt. Die gleiche Beobachtung ist bei anderen Entzündungskrankheiien der Pferde zu machen. In den typisch verlaufenden acuten fieberhaften Infectionskrankheiten (Pferdestaupe, Bj-ustseuche) sinkt die Temperatur mit der Krisis nicht selten innerhalb eines Tages um 2°C, d. h. bis zur Norm herab, während die Frequenz des Herzschlags in der Regel nicht gleichzeitig normal wird, sich vielmehr sehr oft erst ganz allmälig verringert und zuweilen nicht vor 8 Tagen bis zur Norm herabsinkt, obwohl die Bluttemperatur in der ganzen Zeit nicht mehr erhöht ist. \ Ausserdem lässt sich bei den bezeichneten fieberhaften Infectionskrank- ^ heiten der Pferde durch Vergleichung einer grösseren Zahl von Fällen leicht nachweisen, dass zwischen der Höhe der Fiebertemperatur und der Zahl der Herzschläge ein bestimmtes Verhältniss nicht besteht. Demnach kann eine vergrösserte Herzschlag-Frequenz durch die physikalische Wirkung der Fieberhitze nicht bedingt sein. — Ebensowenig lässt sich die Pulsfrequenz auf die krankhaft beschleunigte Zahl der Athemzüge, bezw. auf die Dyspnoe direct zurückführen. Denn ich habe sehr oft beobachtet, dass Pferde bei localen Krankheiten der Brustorgane, insbesondere bei Geschwülsten und bei ausgebreiteter Induration der Lungen, ferner bei der Pleurodynie 45—60 Mal in der Minute athmeten, während die Herzschlag-Frequenz die Norm nur um 5—8 Pulse in der Minute überstieg. Es erübrigt hiernach nur die Erklärung, dass durch die Blut-dyskrasie eine parenchymatöse Affection des Herzfleisches und in Folge dessen eine Abschwächung der Schlagkraft herbeigeführt wird, so dass behufs Ermöglichung des Blutumlaufs der Mangel an Triebkraft durch eine grössere Zahl von Herzschlägen ersetzt werden muss. Auch hat das dyskrasische Blut bei vielen Krankheiten eine lähmende Wirkung auf die moderirenden Herzcentren, wodurch die accelerirenden Impulse das Uebergewicht erlangen. Unter den beiden vorstehend gemachten Voraussetzungen, deren Ooincidenz für viele Fälle zugestanden werden kann, muss eine Beschleunigung des Herzschlags entstehen. Einzelne allgemeine Krankheiten, namentlich Pferdestaupe, infectiöse Pneumo-Pleuresien und toxische Darmentzündungen bedingen oft eine übermässige Belastung des kleinen Kreislaufs und Dilatation des Herzens, besonders der rechten Herzhälfte in Folge von Blutstauung. Es leuchtet ein, dass -hierdurch eine Beschleunigung des Herzschlags veranlasst werden muss. Aehnlich liegt das Verhältniss bei Pferden, welche im hohen Sommer nach anhaltender Anstrengung und bei starker Diaphoresis an einer Lungencongestion erkranken.
Erhebliche Blutverluste verursachen stets eine Vermehrung der Herzschläge.
Soweit die vergrösserte Herzschlag-Frequenz auf Insuffizienz der Herzklappen berühr, bietet dieselbe für die Beurtheilung des Krankheitsfalles keinen genügenden Anhalt; in solchen Fällen sind andere Befunde massgebend. Dagegen liegt bei den allgemeinen Krankheiten in der Zahl der Herzschläge ein wichtiges Merkmal für die Diagnose und mehr noch für die Prognose, wie seit Jahrhunderten richtig erkannt worden ist. Wenn bei einer allgemeinen Krankheit der Herzschlag eine Frequenz von mehr, als 60 Pulsen in der Minute erreicht, so ist die Störung des Gesammtbefindens als erheblich anzusehen. Eine Frequenz von mehr als 100 Herzschlägen in der Minute begründet stets eine schlechte Prognose. Allerdings sind hierbei neben der Frequenz auch andere Eigenschaften des Pulses (Grösse resp. Verminderung des Blutdruckes in den Arterien) zu berücksichtigen. Trotzdem kann als erfahrungsgemäss angesehen werden, dass bei Pferden alle Krankheitsfälle, welche eine Pulsfrequenz von mehr als 100 pro Minute bedingen, der Regel nach einen tödt-lichen Verlauf nehmen und nur unter Ausnahme Verhältnissen zur Genesung führen.
Die Regelmässigkeit des Herzschlags ändert sich bei Pferden sehr oft dadurch, dass einzelne Pulse ausfallen (aussetzender oder intermittiren-der Puls). In sehr verschiedener Weise, häufig nach je 3 oder 4, 5 bis 11 Herzschlägen bleiben 1, 2 oder selbst 3 Schläge aus. Die Erscheinung ist davon abhängig, dass die betreffenden, bei normalem Verhalten zu erwartenden Herzcontractionen entweder ganz ausfallen, oder so schwach sind, dass sie bei der Untersuchung des Herzschlags und des Arterienpulses nicht festgestellt werden können (frustrane Herzcontractionen). Am häufigsten findet sich der aussetzende oder intermittirende Herzschlag bei leichten gastrischen Krankheiten; zuweilen ist er ein Symptom des Dummkollers; ausserdem kommt er in der Reconvalescenz nach verschiedenen inneren Krankheiten und nicht selten auch bei älteren Pferden vor, die ganz gesund sind. In allen diesen Fällen ist der aussetzende Herzschlag eine bedeutungslose Abnormität. Werden die betreffenden Pferde bewegt oder körperlich angestrengt, so dass sich die Schlagfrequenz beschleunigen muss, so verliert sich das Symptom; es stellt sich aber wieder ein, sobald die Pferde sich von der Anstrengung beruhigt haben. Zuweilen dauert die Erscheinung überhaupt nur einige Tage oder einige Wochen, um dann wieder zu verschwinden, ohne dass die Ursache genauer erkannt werden kann. Das eigentlich bedingende Moment des aussetzenden oder intermittirenden Herzschlags liegt in unbekanntenEinflüssen, von welchen die automatischen Bewegungscentren des Herzens betroffen werden.
Leichter verständlich ist das Aussetzen des Herzschlags bei chronischen Herzfehlern in den vorgerückten Krankheitsstadien, in welchen die Contractionskraft des Herzens sich schon erheblich verringert hat. Zum Nachweise dieser ursächlichen Bedingung dient die Thatsache, dass die Erscheinung neben Arhythmie des Herzschlags auftritt.
Ein wichtiges Symptom ist die Ungleichheit der Intervalle, mit welchen die Herzschläge aufeinander folgen (Arhythmie). Bei Pferden wird der Rhythmus des Herzschlags im Ganzen nicht häufig gestört. Am meisten beobachtet man Arhythmie bei chronischen Herzfehlern bezw. bei mangelhaftem Klappenverschluss. In schweren Fällen von Pferdestaupe, Brustseuche, Meteorismus oder Entzündung des Darms, sowie bei acut verlaufenden Vergiftungen, d. h. wenn die Herzschlagfrequenz circa 90 pro Minute und darüber beträgt, kommt das Symptom ebenfalls vor. Künstlich lässt sich eine Arhythmie des Herzschlags durch den anhaltenden Gebrauch grosser Gaben von Fol. Digitalis hervorrufen; dieselbe verliert sich nach dem Aussetzen der Medication bald wieder. In den letzten Stunden des Lebens können Pferde bei allen Krankheiten, welche durch Suffocation zum Tode führen, eine Arhythmie des Herzschlags zeigen. Als Ursache dieser Krankheitserscheinung lässt sich nur im Allgemeinen eine ungleiche Innervation der Herzmuskulatur anführen. Bei den allgemeinen Krankheiten hat offenbar die Ermüdung des Herzmuskels eine ätiologische Bedeutung. Man constatirt das Symptom verhältniss-mässig leicht bei der Auscultation des Herzschlags oder bei der Untersuchung des Arterienpulses daran, dass nach verschiedenen (3 bis 10) rhythmischen Herzcontractionen einige Herzschläge abnorm schnell aufeinander folgen.
Die Gleichmässigkeit der Intensität, mit welcher die Herzschläge normalmässig erfolgen, wird nur bei gleichzeitiger Arhythmie gestört. Zur Bezeichnung dieser Störung wird der Ausdruck des inäqualen Herzschlags oder inäqualen Pulses gebraucht; die diagnostische Bedeutung derselben erhellt aus den Bemerkungen über die Arhythmie des Herzschlags.
Der Herzstoss (Spitzenstoss) entsteht dadurch, dass das Herz bei der Systole sich nach der linken Seite bewegt und hierbei mit dem Spitzentheil des linken Ventrikels die Brustwand im 5. Intercostalraum trifft. De norma ist der Herzstoss bei manchen Pferden sehr leicht, bei anderen gar nicht zu fühlen, was sich theils durch die Grösse des Herzens, mehr aber durch die Dicke und die Formverschiedenheiten der Thoraxwand erklärt. Auch ist hierbei die Ausdehnung des linken Lungenflügels, welcher einen Theil des Herzens bedeckt, von Einfluss. Eine Verstärkung des Herzstosses wird bei jeder massigen Anstrengung gesunder Pferde und bei plötzlichen psychischen Erregungen (Furcht) beobachtet. Krankhaft kommt eine Steigerung des systolischen Herzstosses nach erheblichen Blutverlusten und' bei der als „nervöses Herzklopfen" bezeichneten Functionsstörung vor. Pessina fand bei einem Pferde, welchem das Futter gänzlich entzogen wurde und das am 20. Tage den Hungertod starb, vom 5. Tage an den Herzstoss verstärkt, am 8. Tage und später pochend und prallend. Dagegen beruht die früher allgemein vertretene Ansicht, dass bei gewissen fieberhaften Krankheiten („sthenische Fieber") eine Leistungszunahme des Herzens und eine Verstärkung des Herzstosses eintreten soll, auf einer vorgefassten Meinung. Ich habe niemals gefunden, dass sich eine Krankheit in dieser Art manifestirt. Uebermässig stark ist der Herzstoss zuweilen bei der Hypertrophie des linken Ventrikels, namentlich bei Insufficienz der Aortenklappen. Einfache Herzhypertrophien werden aber nicht selten bei Pferden beobachtet, bei welchen der Herzstoss nicht verstärkt, sondern im Gegentheil kaum fühlbar ist. Ist die rechte Lunge durch entzündliche Exsudate oder durch Indu-rationszustände verdichtet, so pflanzt sich die mit dem Herzstoss eintretende Erschütterung abnorm stark nach der rechten Seite fort, so dass der Stoss auch an der rechten Thoraxwand in ziemlich weiter Ausdehnung durch die Palpation nachgewiesen werden kann. Oft tritt bei derartigen Brustkrankheiten der Herzstoss an der rechten Seite stärker und deutlicher hervor, als an der linken. Dass bei einer linksseitigen Pneumo-Pleuritis durch Verschiebung des Herzens der Stoss an der rechten Seite auftreten und an der linken Seite fehlen kann, wurde bereits erwähnt. Besteht eine starke Hypertrophie des linken Ventrikels mit mangelhaftem Klappenver-schluss, so ist der Herzstoss bei vollkommener Ruhe der betreffenden Pferde gewöhnlich nur an der linken Seite zu fühlen; mit der durch körperliche Anstrengung bedingten grösseren Intensität tritt aber der Herzstoss auch an der rechten Seite deutlich hervor. Das Vorkommen des Situs inversus der Eingeweide, wobei das Herz seine Lage in der rechten Brusthälfte hat, ist meines Wissens bei Pferden noch nicht beobachtet.
Die krankhafte Abschwächung des Herzstosses kann durch sehr verschiedene Ursachen bedingt sein. Pleuritische Exsudate der linken Seite, ferner Hepatisation und Adhäsion des linken Lungenflügels an die Brustwand oder den Herzbeutel, ausserdem der bei Pferden in sehr seltenen Fällen vorkommende Erguss einer grossen Quantität seröser oder eiterig-seröser Flüssigkeit in den Herzbeutel vermögen durch mechanischen Druck eine Beschränkung des systolischen Herzstosses herbeizuführen. Viel häufiger wird aber der Herzstoss abgeschwächt durch parenchymatöse Trübung und mangelhafte Innervation der Herzmuskulatur bei fieberhaften Infections- und Intoxicationskrankheiten.
Die Palpation des Herzstosses beschränkt sich bei Pferden für gewöhnlich auf die Ermittelung der hier angeführten Vorgänge. Wissenschaftlich bemerkenswerth ist nur noch die Thatsache, dass bei einzelnen Herzfehlern „tastbare Geräusche" in der Regio Cordis entstehen (endo-cardiale und pericardiale Fremissements). In Fällen von linksseitiger Herzhypertrophie und Insuffizienz der Aorten- oder der linken Atrio-Ventricularklappe habe ich mehrfach bei der Untersuchung der betreffenden Pferde an der palpirenden Hand die Vibration constatirt, welche Laennec von herzkranken Menschen als Fremissement cataire (Katzenschnurren) bezeichnet hat. Die abnormen Oscillationen gehen von der Wirbelbewegung aus, in welche der Blutstrom bei mangelhaftem Klappenverschluss geräth. Mit grösserer Deutlichkeit kann dies endocardiale Fremissement bei der Auscultation des Herzens als Geräusch gehört werden. Ein peri-cardiales Fremissement habe ich nur bei der Brustseuche der Pferde gefunden, und zwar in solchen Fällen, in welchen mit der Krankheits-Entwickelung eine diffuse fibrinöse Pleuritis der linken Seite entsteht und der Herzbeutel sich mit weichen Fibrinausscheidungen bedeckt. Diese Art von Herzfremitus* ist gar nicht selten, kann aber auch weniger deutlich gefühlt, als durch das Gehör wahrgenommen werden. Bestimmend für die Gehörswahrnehmung ist das bei jeder Systole bemerkliche perikardiale Reibungsgeräusch. Zuweilen wird auch an dem der Rippenwand anliegenden Ohr blos der Eindruck des Anstreifens hervorgebracht. Eine systolische Pulsation der Arterien ist bei Herzhypertrophien zu beiden Seiten an der vorderen Brustapertur nicht selten zu fühlen. Ich fand diese Pulsation in mehreren Fällen von Hypertrophie des linken Ventrikels und Insufficienz der Aortenklappe nicht isochron mit der Herzsystole; sie erfolgte vielmehr gleich nach derselben.