Krankheiten des Pferdes
Dieckerhoff, 1885
Bearbeitet von Ron Täubert, Wiesbaden/Hessen
7. Circulationsapparat.
a. Herz. Die Untersuchung des Herzens und seiner Function ist beim Pferde durch anatomische Verhältnisse wesentlich behindert. Zu zwei Dritttheilen wird das Herz von den Lungen bedeckt; mit der Spitze und der linken Kammer liegt es nahe an der linken Brustwand; die rechte Kammer erreicht die Brustwand nicht. Bei der Dicke des Brustbeins und der Brustmuskeln der Pferde ist demnach nur die linke Hälfte des Herzens, und auch diese nur zum Theil der Untersuchung unmittelbar zugänglich. Die Circulation des Blutes wird durch den Herzschlag (Herzpuls, Pulsus Oordis) vermittelt, der sich aus der Systole und Diastole der Vorkammern und der Herzkammern zusammensetzt.
Bei der Untersuchung ist Rücksicht zu nehmen auf die Lage und Grösse des Herzens, auf die Frequenz, Regelmässigkeit und Gleichmässig-keit des Herzschlags, auf den Herzstoss und auf die Herztöne. — Soweit die Lage des Herzens durch die Systole und Diastole sich ändert (active Lageveränderungen) fällt ihre Darstellung in das Gebiet der Physiologie. Auch die geringfügigen Verschiebungen des Herzens, welche die normalen Respirationsbewegungen des Zwerchfells mit sich bringen, haben für die Diagnostik kein Interesse. Eine passive Lageveränderuug des Herzens kann in verschiedener Art entstehen. Durch starken Meteorismus des Darmkanals wird das Zwerchfell weit in die Brusthöhle gedrängt, womit eine leichte Verschiebung der Herzbasis nach vorn und ein Druck auf die Vorhöfe zu Stande kommt. Ist der Herzbeutel an der einen oder anderen Stelle mit der Nachbarschaft (Lunge, Zwerchfell) verwachsen, was übrigens bei Pferden nur selten vorkommt, so muss sich dementsprechend die Lage des Herzens ändern. Häufiger verschiebt sich das Herz bei Pferden nach der rechten Seite bei reichlicher Anhäufung von fibrinösem Exsudat auf dem Herzbeutel oder bei der Hepatisation der linken Lunge in demjenigen Theil, welcher das Herz bedeckt. Ich beobachtete in einem Falle von Brustseuche mit linksseitigem Hydrothorax, starker Mediastinitis und Verwachsung des Herzbeutels mit dem Mittelfell, dass das Herz ganz nach der rechten Seite gedrängt war, so dass der Herzstoss und die Herztöne an der rechten Seite sehr deutlich, an der linken Seite gar nicht wahrgenommen werden konnten.
Die Grössenverhältnisse des Herzens sind von Colin und Franck untersucht worden. Indess ergeben sich aus den festgestellten Massen für die Diagnostik keine recht verwerthbaren Momente. Denn die Grösse des Herzens ist normalmässig bei Pferden, wie bei allen Haus-Säugethieren nach dem Bau und der Grösse des Körpers verschieden. Andererseits geben sich die Umrisse des Herzens an der Brustwand nicht deutlich genug zu erkennen, um während des Lebens eine Hypertrophie durch die Untersuchung (Percussion und Palpation) direct nachweisen zu können. Das Gewicht des Herzens beträgt 3—5 Kilogramm. Ausnahmsweise wiegt das Hefz noch mehr; im Allgemeinen muss ich aber nach meinen Beobachtungen annehmen, dass bei einem Gewicht von mehr als 5 Kilogramm eine Herzhypertrophie vorliegt. Zu beachten ist, dass die Angaben über das Gewicht des Herzens zuweilen nicht ganz correct sind, weil das im Herzen befindliche Blut und die grossen Ge-fässe vor dem Wägen nicht vollständig entfernt waren.
Bei der Percussion der linken Brustwand giebt sich die Lage des Herzens durch eine Dämpfung des Schalles (Herzdämpfung) zu erkennen. Allein die Beurtheilung dieses Symptoms zu diagnostischen Zwecken erfordert eine Berücksichtigung der physiologischen Verschiedenheiten des Thorax, welche bei der Percussion der Lungen schon besprochen wurden. Hierzu kommt die Lage des grossen Brustmuskels, welche die Percussion des Herzens behindert. Im Ganzen kann demnach bei einer geringen Verkleinerung oder Vergrösserung des Herzmuskels der Pferde die Percussion keinen genügenden Aufschluss geben. Durch starke Vergrösserung (Hypertrophie) des Herzens erlangt die Herzdämpfung an der linken Brustseite einen grösseren Umfang. Dasselbe wird beobachtet bei peri-carditischen Transsudaten, die übrigens bei Pferden nur ausnahmsweise selbständig auftreten und zu einem höheren Grade sich ausbilden. Eine wesentliche Bedingung für die Percussion des Herzens ist, dass der linke Vorderschenkel durch einen Gehülfen in der Vorderfusswurzel gebeugt und nach yorn gezogen wird. Die normale Herzdämpfung erstreckt sich von der 3. bis 6. Rippe und reicht von der oberen Fläche des Brustbeins (der Lage der Herzspitze) etwa 12 Centimeter weit nach oben.
Die gleichmässige Frequenz und Intensität, sowie die rhythmische Aufeinanderfolge des Herzschlags sind von der unausgesetzten Thätigkeit eines complicirten Nervenapparates abhängig. Im N. vagus verlaufen die Hemmungsfasern, deren Wurzeln in der Medulla oblongata liegen. Die Antagonisten der Hemmungsnerven des Herzens werden als Beschleunigungsnerven (Nervi accelerantes) bezeichnet. Auch diese wurzeln in der Medulla oblongata, gelangen aber in der Bahn des Sympathicus zum Herzen. Durch Reizung des Vagus entsteht eine Verlangsamung, durch Reizung des Accelerans eine Beschleunigung der Herzschläge. Einen wesentlichen Einfluss auf die Action des Herzens hat auch das intracardiale Centrum (muskulomotorisches Herznervencentrum), das sich ebenso wie das Hemmungscentrum im Zustande fortdauernder Erregung befindet. Frequenz und Rhythmus des Herzschlags sind ferner abhängig von der gleichmässigen Füllung der Herzkammern bei jeder Diastole. Dass die Function der Herznerven bei abnormer Mischung des Blutes sich unregelmässig gestalten muss, kann hier nur angedeutet werden. Indirect wird die Action des Herzens durch die Nerven beeinflusst, welche den Blutdruck reguliren. Die Hemmungs- und Beschleunigungsnerven wirken auf das ganze Herz, so dass die Systole und Diastole jedesmal an beiden Herzhälften gleichzeitig stattfinden.
Obwohl die Frequenz des Herzschlags bei keinem Thiere sich im gesunden Zustande so gleichmässig gestaltet, wie beim Pferde, so ist dieselbe doch nicht, wie früher oft angenommen wurde, auf eine bestimmte Zahl zu fixiren. Durchschnittlich schlägt das Herz bei Pferden 36—38 Mal in der Minute. Häufig beträgt die Frequenz 40, oder entgegengesetzt nur 34 Schläge in der Minute. Im Allgemeinen ist die Frequenz bei Stuten etwas grösser, als bei Hengsten. Aber ich halte es für ganz unrichtig, die Normalzahl der Herzschläge bei Hengsten auf 28 — 30 zu berechnen, oder gar noch geringer zu veranschlagen. Eine Frequenz von weniger, als 34 Schlägen in der Minute ist stets abnorm; sie findet sich oft beim Dummkoller, aber nur in ganz vereinzelten Fällen bei acuter Hirnhöhlen-Wassersucht. Häufig trifft man eine abnorm verringerte Zahl der Herzschläge als Folge einer aus unbekannten Einflüssen entstehenden Unregelmässigkeit in der Action der Herznerven bei sonst gesunden Pferden, oder bei Pferden, die gleichzeitig an gastrischen Affectionen leiden und deshalb wenig Futter aufnehmen. Die Zahl der Herzschläge sinkt zuweilen bis auf 30, weniger oft bis auf 25 und in vereinzelten Fällen bis auf 21 in der Minute. Bei einem Pferde (7jähriger Wallach) zählte ich eine Zeitlang nur 17 Herzschläge. Sehr selten wird bei sonst gesunden Pferden gefunden, dass die Zahl der Herzschläge constant mehr, als 40 in der Minute beträgt. In einem solchen Falle, der einen 12jährigen Wallach betraf, constatirte ich während einer sechswöchentlichen Beobachtungszeit gleichmässig 45—46 Pulse in der Minute; es war keine allgemeine Krankheit vorhanden und ein mangelhafter Klappen-verschluss des Herzens nicht nachzuweisen. — Bei jungen Fohlen im Alter von 3—7 Monaten fand ich gewöhnlich 45—48 Herzschläge in der Minute; einzelne dieser Thiere hatten nur 42 Herzschläge. Nach der Geburt und in den ersten drei Monaten betrug die Herzschlag-Frequenz bei den von mir untersuchten Fohlen 48 — 58 in der Minute. Fohlen, die im Alter von 8 —12 Monaten sich befanden, zeigten 40 — 42 Herzschläge. Die betreffenden Untersuchungen sind bei jungen Fohlen nicht immer leicht auszuführen, weil die Thiere bei jeder Belästigung geängstigt werden und sich bewegen, wodurch sich die Herzschlag-Frequenz erhöht.
Eine Vermehrung der Schlagzahl tritt stets bei körperlicher Anstrengung der Pferde ein. Während einer Bewegung bis zum leichten Schweissausbruch steigt die Frequenz auf 60 — 70 und bis zu starker und allgemeiner Transspiration auf 75 —100 Herzschläge und darüber in einer Minute. Bei gesunden Pferden, die nach einer Anstrengung sich allmälig erholen, besteht bezüglich der Beruhigung zwischen der Herzschlag-Frequenz und der Zahl der Athemzüge ein gleichmässiges Verhältniss nicht immer. Die Verminderung der Schlagzahl bis zur Norm vollzieht sich, wenn die Pferde nach einer leichten Anstrengung etwa 50 Herzschläge haben und dann ruhig stehen bleiben, durchschnittlich in 20 Minuten. Werden dagegen gesunde Pferde übermässig stark und bis zum allgemeinen Schweissausbruch angestrengt, so kommt die Verminderung der Herzschlag-Frequenz bis zur Norm erst in etwa 1 Stunde zu Stande, während die Respirations-Frequenz sich nicht selten schon in l/2 Stunde vollständig beruhigt.